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Kommentar zur OECD-Studie: Jugendliche sehen ihre Zukunft in traditionellen Berufen

Die Meldung - Zusammenfassung

Heute überraschte mich bei der Arbeit die Meldung, dass die OECD aus dem PISA-Bericht 2018 die Berufswünsche der Jugendlichen gesondert analysierte. "Wie schön und wir spannend", dachte ich noch. Die Aufbereitungen der Zeitungen sind voll und das Ergebnis der Studie scheint so bemerkenswert, dass sogar die Tagesschau um 20 Uhr heute ausführlich darüber berichtete.

 

Es hat etwas gedauert, bis ich den ursprünglichen Pressetext der OECD gefunden habe (die Studie an sich ist momentan nicht aufzutreiben-falls ihr sie findet, gebt mir bitte einen Hinweis). Hier ist er: 

OECD-Studie: Jugendliche sehen ihre Zukunft überwiegend in traditionellen Berufen.

 

Zusammenfassend sehen die Jugendlichen ihre Zukunft in traditionellen Berufsbildern und etwa nicht in der Vielzahl der neu entstandenen Berufe im Dunstkreis von IT ,Internet und Digitalisierung. Die Vorstellungskraft hinsichtlich der Vielfalt der Berufe sei gering und die soziale Herkunft beeinflusst Erwartungen und Ambitionen. Dazu sehen sich 9.Klässlerinnen in Mädchenberufen und die Jungs in klassischen Männerberufen. 

Soweit so gut. Erstaunlich? Ich glaube nicht...

Zukunft in traditionellen Berufsbildern-wo auch sonst?

Ich sehe meine 9.Klässler genauso wahr, wie in der Pressemitteilung beschrieben! Sie sollen sich mit meiner Hilfe im Dickicht der Auswhalmöglichkeiten orientieren und eine bewusste Entscheidung für sich und ihre nächsten beruflichen Schritte finden.

 

Gehen wir die zentralen Ergebnisse einmal durch und gucken, inwieweit meine Schülerinnen und Schüler dazu Erklärungsversuche liefern können:

 

Klassische Berufsbilder sind doch die Berufsbilder, die die jungen Menschen in ihrer Familie, im Freundeskreis und im nahen Umfeld wahrnehmen. Die Schüler hören Berichte - gute wie schlechte. Die Berufe sind ihnen geläufig. Sie hatten Kontakt mit den Berufen - wer war noch nie bei einem Arzt? Und Lehrer treffen sie schließlich täglich.

 

Also kein Wunder, dass in einem "Abfragesetting" der PISA-Studie genau die Berufe genannt werden, die eine hohe Repräsentanz im Kopf der 9.Klässler besitzen - in ihrem Kopf spielen übrigens zu dieser Zeit ganz andere Dinge eine Rolle.

 

Erinnert Euch an Euch mit 15 Jahren. Und das ganz zu Recht: Sie sind entwicklungspsychologisch nötig und für jeden Menschen in diesem Alter wichtig. Die Berufswahl ist so weit weg, wie für mich der drohende Aufenthalt in einem Seniorenheim. Alles noch sehr abstrakt. Momentan ist es weder wichtig noch dringend, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.Warum also mehr als die nötigsten Berufe wahrnehmen? Die nötigen Berufe sind nun mal oft die Traditionellen.

 

Die Schüler können sich in traditionellen Berufsbildern etwas unter der Tätigkeit vorstellen. Ihnen fällt es natürlich schwer, sich etwas unter dem Beruf "Fachinformatiker für Systemintegration" oder "Elektroniker für Informations- und Kommunikationstechnik" vorzustellen.

 

Das Lexikon der Ausbildungsberufe "Beruf aktuell", dass hier in Hamburg praktisch jedem Schüler kostenfrei zugestellt wird, listet 16 Berufe (ohne Fachrichtungen gezählt) im Berufsfeld "IT, Computer" auf. (Ihr könnt es gerne in meinem Downloadbereich herunterladen), Die Mengen an Studienberufen dieser Richtung können 15jährige überhaupt nicht überblicken - ich im Übrigen auch nicht. 

 

Ich gehe eine Wette über drei Tüten Gummibärchen ein, dass keiner meiner Schüler einen dieser 16 gereglten Berufe in der 9.Klasse kennt und in groben Zügen beschreiben kann, womit sich der Arbeitnehmer den Tag über beschäftigt.  Wie sollen sie auch?

 

Da bleiben dann also noch die "neu entstandenen" Berufe, die die 15jährigen laut Medienecho, nicht wahrnehmen und scheinbar nicht ergreifen wollen. Warum auch? Diese Berufe sind nicht geregelt und anerkannt.Es sind keine BERUFE im eigentlichen Sinne sondern eher Tätigkeitstitel. Am Ende heißt es dann noch: "Was? Du hast nichts anständiges gelernt?" Erstmal lernen und dann weiterentwickeln. So sind die aktuellen Stelleninhaber doch auch auf ihre Stelle gerutscht. 

Erfahrungen schaffen Wissen

Unsere Schüler werden von der Schule in Praktika gebeten, um klassische Berufe kennen zu lernen, deren Sinn und Zweck sie in ihrem Alter erfassen können. Sie sollen den Alltag, den Sinn von Arbeit, die Unterschiedlichkeit zur Schule erleben und ihren Horizont generell erweitern. Oft fällt es den Schülerinnen und Schülern in der Rückbesinnung sehr schwer zu formulieren, womit der Betrieb nun genau sein Geld verdient und was der Kern seiner Tätigkeit ist. Insofern halte ich es für geboten erstmal diejenigen Berufe kennen zu lernen und das Konzept von "Beruf" zu durchdringen,, bevor sie in noch abstraktere Welten vordringen:

 

Jemanden zu begleiten, der acht Stunden als Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung Kryptisches in den PC hämmert, ist aus Sicht meiner Klassen wenig ansprechend. Egal wie das Ergebnis des Programmierprozesses aussieht. Die Generation Z will im Praktikum Spaß, Spannung und Abwechslung. Sie wollen etwas erleben, über das sie berichten können und das sie verstehen. Sie wollen Teil eines Team sein und aktiv einen Beitrag leisten. Das ermöglichen leider aus meiner Erfahrung aber nur die wenigsten Berufe und vor allem: Betriebe.

 

Meiner Erfahrung nach, ist es auch praktisch unmöglich ein sinniges Praktikum in einem IT/Internet/Digitalisierungs-Betrieb zu erhaschen, wenn nicht direkte Kontakte durch Eltern und Freunde das ermöglichen. Hier spielt die soziale Herkunft die Rolle, die die Studie benennt!

 

Selbst, wenn es jemand mal schafft, die Vielfalt der Berufe rund um die Digitalisierung kennen lernen zu dürfen, sind die Praktika und Erfahrungen miserabel, weil die Betriebe nicht wissen, was sie mit den 15jährigen anstellen sollen.Langeweile im Praktikum, das Gefühl nicht willkommen und gebraucht zu werden, sind für die Berufswahl tödlich und haben nicht selten eine ganze Branche eine Nachwuchskraft gekostet !

 

Ein schönes Beispiel dafür, dass wir uns selbst an die Nase fassen müssen - ein Praktikum ist so viel mehr als "mitlaufen" und "zugucken". Es stiftet im besten Falle Identifizierungsmöglichkeiten mit (s)einem Beruf und lenkt die Berufswahl der Generation Z massiv und langfristig wirksam. Leider wissen das zu wenige Betriebe, Eltern, Lehrer und das Bildungssystem insgesamt.

Der Berufswahlprozess dauert!

Wieso regen sich heute nun alle so auf, dass sich die Schülerinnn und Schüler für hergebrachte Berufe interessieren, sodass sogar die Tagesschau berichtet? Gibt es wirklich eine gesellschaftliche Angst, dass die nachfolgenden Generationen nur althergebrachte Berufe ergreifen werden?

 

Bedenkt: Diejenigen, um die es hier geht, sind erst 15 Jahre alt! Für gewöhnlich starten sie frühestens in einem Jahr in den Beruf. Statistisch gesehen, sind die aber deutlich älter und ziehen vorher noch Schleifen durch das Bildungssystem. Bis dahin ändert sich ihre Berufswahl m.E. fünf bis sechs mal.

 

Irgendwo (Mist, wo war das gleich?) habe ich einen Artikel eines Psychologen gelesen, der sagte, dass es vier Jahre dauere, bis sich jemand bewusst für seinen Beruf entscheiden könne. 

Das ist auch meine Erfahrung.

 

Backen wir doch erstmal kleine Brötchen und lassen wir unsere Kinder den Bäcker kennen lernen, seine Arbeit und sein Produkt wertschätzen und dann zeigen wir ihm den Designer für Backwaren. 

Resümee

Wir brauchen keine Angst haben, dass sich unsere Kinder in der 9.Klasse für hergebrachte Berufsbilder interessieren. Im Endeffekt dauert es noch, bis sie ihren Beruf wählen. Die Schülerinnen und Schüler können gar nicht anders als diese Berufe zu nennen.

 

Wir leben in einer Gesellschaft, die das Credo. "Schneller, höher, weiter!" so verinnerlicht hat, dass wir unseren Kindern keine Zeit für ihre Entwicklung geben wollen. Langsamer, ruhiger, bedächtiger - das würde uns und unseren Kindern gut tun.

 

Dann findet unser Nachwuchs seinen Weg - auch in die Digitalisierungsberufe!


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Kommentare: 1
  • #1

    Lasse (Donnerstag, 23 Januar 2020 19:32)

    Toller Beitrag, trifft meine meinen auf den Punkt!